Das Große Lernen: Warum die Lösung eines Problems in der Digitalisierung nicht immer schon die Antwort ist

Das Große Lernen: Warum die Lösung eines Problems in der Digitalisierung nicht immer schon die Antwort ist

Resümee der Abschlusskonferenz

Drei Jahre lang untersuchte das BMBF-geförderte Projekt „Kommunikation, Innovation und Lernen in der Produktionsorganisation unter Bedingungen agiler Digitalisierung (KILPaD)“ die Zukunft der Arbeit. Prof. Dr. Dirk Baecker, Maximilian Locher und Hannah Cramer von der Universität Witten/Herdecke (UW/H) kooperierten mit Prof. Dr. Uwe Elsholz und Martina Thomas vom Lehrgebiet Lebenslanges Lernen an der FernUni Hagen.. Hinzu kamen fünf mittelständische Firmen sowie die Zukunftsallianz Maschinenbau, das VDI Technologiezentrum, die Organisationsberatung OSB und die Universität Konstanz mit dem theoretischen Informatiker Prof. Kosub. Nun wurden die Ergebnisse aus wissenschaftlicher und betrieblicher Sicht auf einer Abschlusskonferenz im Neubau der Universität Witten/Herdecke zusammengetragen und der gemeinsame Konsens ist: „Wir dürfen die Digitalisierung nicht nur als Lösung für Probleme in der Praxis betrachten. Vielmehr ergeben sich durch digitale Lösungen weitere Fragen und Herausforderungen, aber auch neue Denkanstöße“, so die Zusammenfassung laut Prof. Baecker. „Digitalisierungsvorhaben bringen vielfältige Lernchancen mit sich: die betroffenen Beschäftigten lernen, das Management lernt und auch die Gestaltung der Schnittstellen kann lernend verbessert werden. Solche Lernanlässe können – wie von den KILPaD-Betrieben gezeigt – genutzt werden oder auch nicht,“ erläutert Prof. Elsholz.

Schaut man sich die Veränderungen in der Arbeitswelt an, wird die abstrakte Zusammenfassung klarer: Ob Maschinensteuerung, digitale Laufkarten, Shopfloor-Infopoints oder modernes Wissensmanagement – keine der digitalen Maßnahmen hat nachhaltig betriebliche Probleme vollends gelöst, aber neue Aufgaben und Herausforderungen hervorgebracht. Die meisten Betriebe stehen vor dem Dilemma, einerseits die leistungsfähigsten elektronischen Programme einführen zu wollen, andererseits nicht abhängig zu werden von einer Hardware, einer Software oder dem Dienstleister. Arbeitnehmer fürchten um ihre Arbeitsplätze, das Management fürchtet um seine Kontrollmöglichkeiten und die Geschäftsführung um die Autonomie ihres Betriebs.

Nur mit Fingerspitzengefühl lassen sich die Chancen der Digitalisierung „freispielen“ und diese Chancen sehen alle Projektbeteiligten. Dabei ist die Kommunikation ein entscheidender Faktor: „Nichts versteht sich von selbst; wer immer sich beteiligen will, muss mit allen reden, die sich ebenfalls beteiligen wollen. Innovation entsteht nur aus einem Prozess, den man nicht für selbstverständlich hält. Man braucht den Mut, seinen eigenen Betrieb neu zu entdecken. Man muss lernen, mit den Programmen umzugehen und mit den neuen Organisationsformaten, die diese Programme nahezu zwangsläufig mit sich führen,“ so Prof. Baecker. Ebenso essentiell sind Engagement und Agilität: Wer darauf wartet, von oben die klärenden Anweisungen zu bekommen, bringt den Innovationsprozess zum Scheitern. Wer hingegen in den Austausch mit Kolleg:innen, aber auch mit Lieferanten und Kunden geht, wird erleben, dass die digitalen Prozesse genau so gestaltet werden können, wie man sie braucht. „Bei aller Schwärmerei für die Möglichkeiten der elektronischen Netze sollte man nicht vergessen“, so Prof. Dr. Peter Brödner (Wirtschaftsinformatik, Universität Siegen) auf dem Podium der Abschlusskonferenz, „an den Geräten und digitalen Oberflächen, die im Betrieb zu finden sind, zu überprüfen, welche Versprechungen glaubwürdig sind und welche nicht und ob man sich gerade Lösungen ins Haus holt, für die man gar nicht die passenden Probleme hat.“ „Und immer muss man damit rechnen, dass die wirklichen intelligenten Lösungen bei den Mitarbeiter:innen in den Schubladen schlummern. Daher muss ein Betriebsklima sichergestellt werden, in dem es gelingt, die Intelligenz im Betrieb dem Betrieb zur Verfügung zu stellen“, führt Dipl.-Ing. Carsten Meinhardt, Produktionsleiter bei der nass magnet GmbH, einem der Projektpartner, aus.

„Das wichtigste Ergebnis dieses Projekts ist aus meiner Sicht“, so Tom Henning, Geschäftsführer des Projektpartners SHA Anlagentechnik GmbH, ein Hidden Champion im Förderschneckenbau, „dass wir im Betrieb wesentlich mehr Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine, aber auch zwischen den Mitarbeiter:innen und den Abteilungen haben, als wir zuvor dachten. Schon deswegen müssen mehr Leute miteinander reden, als wir gewohnt sind. Daraus ergibt sich ein gewaltiger Lernprozess, in dem wir immer wieder neu herausfinden müssen, wann wir ihn öffnen sollten und wann wir ihn schließen können.“ Ministerialrat Dr. Otto F. Bode, Abteilungsleiter im Bundesministerium für Bildung und Forschung, ergänzte im Schlusswort der Abschlusskonferenz, dass es sich gelohnt habe, mit einem Kommunikationsbegriff zu arbeiten, der zwischen Information, Mitteilung und Verstehen unterscheidet: „So wird der Tatsache Rechnung getragen, dass nicht ‚Sender‘, ‚Empfänger‘ oder ‚Kanäle‘ wie in einer technischen Maschine die Prozesse in Unternehmen bestimmen, sondern die Kommunikation einen eigenen Status besitzt, der sich zwischen allen Beteiligten aufspannt, von allen abhängig ist, aber von niemandem festgelegt oder gesteuert wird. Die Kommunikation mit ihren Eigenheiten ist zu ‚störrisch‘, um gesteuert zu werden. Und sie wirkt häufiger stärker auf die Beteiligten ein, als diesen bewusst ist. Hierauf zu schauen, hat sich in dem Projekt gelohnt.“ Nur so schafft man den Sprung von der immer noch vorherrschen Werkzeugperspektive der Digitalisierung, die diese als begrenztes Mittel zu einem gegebenen Zweck sieht, zu einer Systemperspektive, die es erlaubt, aber auch erzwingt, den Betrieb insgesamt auf den Prüfstand zu stellen.

„Grundsätzlich,“ so Michael Leske von der Partnerfirma Hahn Ruhrbotics in Gelsenkirchen, „ist davon auszugehen, dass die Digitalisierung im Betrieb fünf und mehr Jahre hinter dem zurückbleibt, was die Mitarbeiter:innen von ihren Smartphones gewohnt sind. Das setzt die Firmen sehr unter Druck. Denn Maschinensteuerung muss intuitiv überzeugen. Da kann man nicht mit den Menüs und Buttons von vorgestern arbeiten.“

Die wissenschaftlichen Ausgangspunkte von KILPaD sind bereits 2021 in dem Band „Parallele Welten der Digitalisierung im Betrieb“, herausgegeben von Dirk Baecker und Uwe Elsholz im Springer Verlag, publiziert worden. Der zweite Band wird unter dem Arbeitstitel „Postdigitales Management“ voraussichtlich im Frühjahr 2023 die praktischen Ergebnisse und daraus folgende Leitlinien und Empfehlungen dokumentieren. Bis dahin empfehlen wir unsere Website (kilpad.de), unseren Podcast „schnitt.stelle“ (https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/schnitt.stelle-der-kilpad-podcast/) und unsere Lehrvideos (https://www.youtube.com/channel/UCgSr1RWwth6-ZxVCxGUPYTg).

Anfragen zum Projekt an: Hannah Cramer, Projekt KILPaD, Fakultät für Wirtschaft und Gesellschaft, Universität Witten/Herdecke, Email: Hannah.Cramer@uni-wh.de.

Alle Beiträge

Parallele Welten der Digitalisierung im Betrieb (Springer VS)

Maximilian Locher

Das Große Lernen: Warum die Lösung eines Problems in der Digitalisierung nicht immer schon die Antwort ist

Dirk Baecker

Systemtheoretische Schlüsse zu einem unwahrscheinlichen Projekt

Maximilian Locher

Abschlusskonferenz: Erkenntnisse zu Folgend er Digitalisierung für Kompetenzentwicklung und Lernen in der Organisation

Martina Thomas

Abschlusskonferenz: Erkenntnisse zu Kommunikation und Innovation in der betrieblichen Digitalisierung

Maximilian Locher

Bericht zur KILPaD-Abschlusskonferenz: Das Große Lernen – Wenn Lösung und Problem nicht zur Deckung kommen…

Dirk Baecker