Über das Gelingen und Misslingen von Digitalisierungsvorhaben (Auszug aus dem Meilensteinbericht)

Über das Gelingen und Misslingen von Digitalisierungsvorhaben (Auszug aus dem Meilensteinbericht)

von Maximilian Locher

Die Identifikation von Gelingens- und Misslingensbedingungen fußt auf einer Voraussetzung, die bei derlei Analysen häufig unthematisiert oder still vorausgesetzt werden. Diese Voraussetzung besteht in der Beantwortung der Frage, welcher Beobachter mit seinem Unterscheidungsvermögen als relevanter Beobachter von Gelingen oder auch Misslingen in Rechnung gestellt wird.

Auf welche Beobachtungsperspektive kommt es uns also an, wenn wir wie im Projektverlauf geplant Bedingungen angeben müssen, die für ein Gelingen oder Misslingen einer Digitalisierung von Schnittstellen entscheidend sind? Diese Frage stellt sich, weil ein Digitalisierungsvorhaben für einen Projektmanager womöglich schon dann als gelungen beobachtet wird, wenn ein bestimmtes Budget nicht überschritten wurde, während ein Anwender aber zugleich ein Misslingen bemängeln könnte, weil die kosteneffizient eingeführte Digitalisierungstechnik seine Arbeit mehr behindert, als sie zu unterstützen. Eine erste Meta-Gelingensbedingung von Digitalisierungsvorhaben lässt sich schon darin finden, ob diese Frage überhaupt diskutiert wird, und sich die Organisation folglich damit auseinandersetzt, dass dasselbe Digitalisierungsvorhaben ganz unterschiedliche Definitionen von Gelingen oder Misslingen mobilisieren kann und entlang dieser dann unterschiedlich bewertet werden kann.

Für die hier angestellte Analyse der Bedingungen des Gelingens bzw. Misslingens von Digitalisierungsvorhaben möchten wir uns für die Perspektive der Anwender bzw. Nutzer der jeweils eingeführten Digitalisierungstechnik entscheiden. Das hat keine primär ethischen Gründe, sondern begründet sich darin, dass erst in lokalen Anwendungssituationen die Digitalisierung auf die Horizontale der Entscheidungskommunikation der Organisation stößt, die sie in ihren relevanten Umwelten wie dem Markt hält. Hier machen Digitalisierungsvorhaben einen Unterschied, oder sie machen im Sinne der Wertschöpfung der Unternehmensorganisation keinen Unterschied.

Die grundlegendste Misslingensbedingung erscheint schnell definiert: Sie besteht darin, dass eine globale Deutung dessen, was gute Digitalisierung ausmacht, beispielsweise aus der Hierarchie oder dem zuständigen Projektteam, der lokalen Anwendungslogik gänzlich widerspricht, aber einmal implementiert, diese Digitaltechnik der Anwendungssituation eben jene Deutungen und Annahmen so aufdrängt, dass dieser kein Raum bleibt, um auszuweichen.

Für das Gelingen von Digitalisierung aus lokaler Anwendungsperspektive tun sich drei Möglichkeiten auf:

  1. Die lokale Anwendungslogik setzt sich gegen globale Ansprüche an die Digitalisierungstechnik durch. Dafür nutzt sie die Distanz globaler Ansprüche aus Hierarchie oder von Seiten des Projektmanagements zur eigenen Praxis, ob bewusst oder unbewusst, und nimmt das Tool so in Anspruch, wie es lokale Sinn macht. In diesen Fällen rettet die problemorientierte lokale Praxis ein von anderer Seite womöglich gut gemeintes aber lokalen Notwendigkeiten nur wenig entsprechendes Digitalisierungsvorhaben. Die lose Kopplung zwischen globalen Ansprüchen und der lokalen Realisierung ermöglicht dabei den globalen Ansprüchen weiterhin damit zu rechnen, dass ihren Ansprüchen genüge getan wird. Man glaubt von hierarchischer/Projektmanagement-Seite, dass das Tool eine bestimmte Kollaboration bestärkt und von allen Seiten Änderungen im Tool vorgenommen wird. Lokal wird das Tool aber vor allem für seine zusätzliche Transparenz über Terminlagen geschätzt und wie selbstverständlich weiterhin jede Änderung von Einträgen über Projektleiter vorgenommen.
  2. Die lokale Anwendungslogik variabilisiert die globalen Ansprüche an die Digitalisierungstechnik und die Arbeit damit. Dafür nutzt sie die Freiheitsgrade, die von den globalen Ansprüchen von Seiten der Hierarchie oder des zuständigen Projektteams dafür vorgesehen sind. Aus Strategieprozessen kennt man ein solches Vorgehen unter den Überschriften der „openness“ oder „ambivalence“ von Strategien, deren Funktion es ist, ebenso einen globalen strategischen Regelungsanspruch zu vertreten, wie lokale intelligente Lösungen vorkommen zu lassen.
  3. Die globale Deutung der Digitalisierungstechnik und die mit ihrer Nutzung verbundenen Ansprüche entwickeln sich in einem iterativen Prozess mit dem lokalen Zugriff auf die Digitalisierungstechnik und den Prozess ihrer Implementierung. So kommt es zu Rückkopplungsschleifen zwischen beiden Polen und die globale Perspektive findet in lokalen Deutungen neue Gelegenheiten und Hinweise zur Weiterentwicklung, wie auch umgekehrt die lokale Perspektive den globalen Anlass und Anspruch zur Digitalisierung nachzuvollziehen lernt, ihn als unterstützend gemeint erfährt und sich in Bezug hierauf in einer Position der Mit-Entscheidung verortet.

Welche Bedingungen dementsprechend ein Gelingen von Digitalisierung aus Perspektive lokaler Anwendungssituationen, jeweils an einem konkreten Digitalisierungsprojekt orientiert, befördern, soll im Folgenden erörtert werden. Dabei soll eine Prozess-Perspektive auf die Digitalisierung als Implementierung von Digitalisierungsvorhaben eingenommen werden und somit der Erfolg einer weiteren Digitalisierung von Schnittstellen in der Organisation auf den Prozess ihrer Einführung rückbezogen werden können, in dem die Bedingungen erfüllt werden, die am Ende das Digitalisierungsvorhaben aus Perspektive lokaler Anwender gelingen lassen oder eben auch nicht. (…)

(hier schließt der weitere Meilensteinbericht an)

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